In epidemischen Zeiten

Leute, vor 20-25 Jahren habt ihr es entschieden: ausufernder Konsum basierend auf global dahingaloppierender Marktwirtschaft. Ungehemmter Austausch von Menschen und Material. Die persönliche Sinnsuche im indischen Jogi-Schrein und Schnorcheln am Roten Meer. Bio-Knoblauch aus China und Familienzusammenführungen in Lateinamerika. Es muss doch allen klar gewesen sein, dass das keine Einbahnstraße ist. Nur die Vorteile mitnehmen und die Nachteile ausklammern – das funktioniert eben nicht.
Wer sich bis zur Oberkannte Unterlippe diesem System verschrieben hat, fürchtet jetzt natürlich rigide Maßnahmen und kann daher auch keinen Quarantänen für ganze Städte, Reisebeschränkungen oder Absagen von Veranstaltungen zustimmen. Ich habe den Namen nicht mehr parat, aber der Chef eines Tourismuswirtschaftsverbandes hat angemahnt, dass doch bitte das Geschäft am Laufen gehalten werden soll. Ein paar Erkrankte und Tote dürften nicht das Wirtschaften gefährden. Was wäre erstmal los, wenn das Wirtschaftswachstum sich abschwächt oder sogar ins Negative verkehrt? Diese Denkweise ist gleichzeitig konsequent und bitter.
Herr Spahn sagt, sein Ministerium und er sehen keinen Sinn darin, ganze Städte abzuriegeln und das „öffentliche Leben lahmzulegen“. Dass die Chinesen durch genau dieses Vorgehen uns Zeit erkauft haben (die wir hätten besser nutzen können), wird nicht erwähnt oder wenn, dann in Abrede gestellt. Dabei geht es nur um eins: solange wie möglich das System am Laufen zu halten, Kapital und Waren umzusetzen. Noch schnell den letzten Euro mitnehmen. Wofür eigentlich? Der Autor Micky Beisenherz hat das in einem Twitter-Tweet sehr gut auf den Punkt gebracht. Solange in Deutschland keine Fußball-Bundesliga-Spiele abgesagt werden, herrscht hier der Normalfall. Absagen der Karnevalsveranstaltungen wie in Venedig? Niemals. Jetzt sucht man die 300 Teilnehmer einer Sitzung und deren x Kontakte, weil man ja nicht ahnen konnte, dass sich ein Virusträger auf dem Karneval herumtreibt. Lassen sie sich diese Begründung noch einmal durch den Kopf gehen.
Harald Schmidt hat nach dem 11. September 2001 gesagt, wie beruhigend es doch auch gewesen sei, dass diese ganze Medienmaschine nach dem Anschlag auf das World Trade Center (die Älteren erinnern sich) für zwei Wochen in die Zwangspause gegangen ist. Man könne aber auch nicht immer gleich zwei Wolkenkratzer dafür in Asche legen. Wie wahr, wie wahr.

Ganz ehrlich, etwaige Unterbrechungen von Lieferketten interessieren mich nur, wenn sie Lebenswichtiges betreffen. Beispielsweise Medikamente (da habe ich den Engpass schon erfahren dürfen, da die Wirkstoffe dafür in Zentralchina hergestellt werden). Ob darunter auch Autoteile oder Klamotten fallen, muss jeder mit seiner eigenen Prioritätenliste abklären. Wie verlautbart wurde, verzögert sich nun auch die Einführung des neuesten iphone Modells. Dass das eine Topmeldung ist, drückt den herrschenden Zeitgeist treffend aus.
Früher war Berlin (als es noch Frontstadt war) stolz auf seine „Senatsreserve“. Da wirkte noch die Berlinblockade 1948/49 nach. Fragen sie heute mal einen Logistikmanager über Lagerhaltung. Das ist schon seit Jahren nicht mehr „in“. Die ganzen Großlager von einst befinden sich heute auf Containerschiffen und in LKWs auf der Straße. Mittlerweile sind Desinfektionsmittel in deutschen Apotheken und Drogerien Mangelware, auf Amazon und Ebay tummeln sich die Kriegsgewinnler (so nannte man das früher) und rufen für Atemschutzmasken Wucherpreise auf. So sieht die „gute Vorbereitung“ in Deutschland aus. Es ist nicht so, dass die Verantwortlichen die Situation nicht kennen – es wird einfach nur gepokert und gehofft, dass man mit diesem Bluff oder der Selbsttäuschung irgendwie durchkommt. Bei den Chinesen wundert mich das nicht, insgesamt zählt da ein Menschenleben nicht viel. Die Ware Mensch ist im Überfluss vorhanden und problematisch wird es nur, wenn das Wirtschaftswachstum oder die Macht der Volkspartei in Gefahr gerät. Dass wir hier so offensichtliche Anzeichen derselben Vogel-Strauß-Taktik und Leck-mich-Mentalität erleben, überrascht mich zumindest in dem Maße ihrer Zurschaustellung.

Ich muss auch was gestehen: ich bin kein Experte in dem Bereich. allerhöchstens Hobby-Virologe und geschichtlich an dem Thema interessiert. Die Maßnahmen und Methoden, mit denen man jetzt auf die Epidemie – und es ist hier völlig unerheblich, ob man jetzt Pandemie sagen darf/sollte oder nicht – reagiert, wurden schon im ach so dunklen und rückständigen Mittelalter erfunden und erprobt. Das einzige Problem der damit befassten Menschen war ihr unzureichender Wissensstand über Viren und Übertragungswege an sich beziehungsweise ihre eingeschränkten Möglichkeiten des Machbaren. Schnelles Temperaturmessen durch einen massenhaft verfügbaren Scanner? Labortest durch Rachenabstrich? Mal eben das Rattenproblem in den Städten lösen? Unmöglich. Und dennoch haben sie die Zusammenhänge gesehen und mit Quarantänen, Isolierungen und Unterbrechungen der Handels- und Warenströme zu reagieren versucht. Seit 650 Jahren haben wir das Besteck an Maßnahmen nur graduell weiterentwickelt, nicht unbedingt strukturell. Vor allem nach SARS 2002/2003 hätte ich gedacht, dass wir weiter sind. Vor allem im Zusammenwirken über Ländergrenzen hinweg, wo wir doch die großartige EU haben. Während man hier irritiert ist, dass auch Italien zum Mittel der großflächigen Abschottung greift, begrüßt die WHO genau dieses Vorgehen. Während ein Bahn-ICE an der österreichischen Grenze aufgrund von Verdachtsfällen gestoppt wird, fährt der Flixbus munter weiter. Merke: auch Viren haben ihren Stolz und reisen nur per Zug.
In Singapur oder Japan klappt es doch auch. Vorbildliche Rundumversorgung und Information in Singapur, flexible Arbeitszeitenregelung in Japan. Und Deutschland? Zu schwerfällig, zu bürokratisch, einfach zu satt. Als die Chinesen zwei Spezialkrankenhäuser mit einer Bettenkapazität von 2.300 in nur wenigen Tagen errichteten, taten sich hier nur die üblichen Bedenkenträger hervor und fragten hämisch nach Umweltschutz, Baugenehmigung und Mindestlohn bzw. Sinnhaftigkeit einer solchen Virenbrutstätte. Als ob diese aus der Not geborenen Gebäude einem typischen chinesischen Klinikbau entsprechen würden. Dass in Wuhan einfach nur die Kacke am Dampfen war, für soviel Einsicht und Empathie reichte es in Deutschland nicht. Manchmal schämt man sich für diesen Haufen von degenerierten Dumpfbacken und Besserwissern hier.
Was hat man sich mokiert, als es nach dem verheerenden Hurrikan Katrina in New Orleans zu Plünderungen ein Einbrüchen kam. Typisch, dieser Neger. Wie planvoll und überlegt die heimische Bevölkerung handelt, sieht man ja in den Regalen der Lebensmitteldiscounter und Drogerien.

Und bitte, lasst dieses Politiker-Bashing. Wenn wir uns schon ehrlich miteinander machen, gehört auch diese Wahrheit dazu: jedes Land wird von den Politikern regiert, die es verdient (die 5 € klingeln gerade im Phrasenschwein). Außerdem sind sie nur das nach Außen sichtbare Symptom des Zustandes unserer Gesellschaft. Hattet ihr denn vor Corona und Co. ein Problem mit der Globalisierung? Habt ihr auch immer schön in die Armbeuge geniest und nach dem Klogang die Hände gewaschen? Bei den Streiks gegen Budgetkürzungen von Krankenhauspersonal und/oder Ärzten – wart ihr da auf der unterstützenden oder auf darüber schimpfenden Seite?

Work-Life-Balance und so

Noch keine Gesellschaft vor uns, zu keiner Zeit in der Geschichte der menschlichen Hochkultur war bis zum heutigen Tage so produktiv, so automatisiert und mit so vielen Erleichterungen für das Leben ausgestattet wie die, in der wir leben.

Und dennoch haben die Menschen in dieser Gesellschaft so wenig Zeit für sich selbst. Und dabei ist der Output an Stress und Verpflichtungen genauso hoch wie der Output an hergestellten Waren und Dienstleistungen.
Trotz des ganzen Fortschritts häufen Arbeitnehmer Überstunden um Überstunden an und können ihren Urlaub nur zu ganz bestimmten Zeitfenstern nehmen und das in Absprache mit ihren Kollegen. Das variiert natürlich je nach Berufsgruppe, aber die Tendenz ist bei allen so ziemlich gleich.

Das Erstaunliche ist: wenn dann mal wirklich etwas Zeit am Stück „über ist“, dann gibt es nicht wenige Menschen, die dann ein Gefühl der Langeweile fürchten und daraufhin diese Zeit in Hektik mit etwas zu füllen versuchen.

Mitleid mit der SPD

Ja, nach der Europawahl und den Kommunalwahlen empfinde ich Mitleid mit der SPD. Oder nennen wir es nicht Mitleid, sondern eher Enttäuschung und teilweise Entsetzen.
Enttäuschung, weil es nach Rezos Video eher die CDU/CSU massiv hätte treffen müssen und Entsetzen, weil ich im Falle des Ostens genau sehe, wohin die Wählerstimmen geflossen sind.

Machen wir uns keine falschen Hoffnungen, der Erfolg der Grünen ist eine Eintagsfliege und die Situation stellt sich (betrachtet man Europa und auch Deutschland differenzierter) doch ganz anders da, als der grüne Hype uns weismachen will. Oftmals wanderten die verlorenen SPD Wählerstimmen in das braun-blaue Lager von NPD und AfD, jedenfalls im Osten geht man da pragmatischer an die Sache heran. Da benötigt der Wähler keine Verrenkungen des Rückgrats, um gestern CDU, heute SPD und morgen AfD zu wählen.

Und nun wird wieder viel analysiert werden. Es wird Apelle geben. Man wird noch mehr „zusammenstehen müssen“, „besser kommunizieren“ und „das Profil schärfen“. Alles Sachen, die man schon nach der Bundestagswahl 2017 hatte erledigen wollen. Für mehr als eine Personalrochade hat es dann aber doch nicht gereicht.
Und dieses Mal soll nicht einmal das stattfinden. An vor allem zwei Personen kristallisiert sich jetzt die Kritik und die Wut der Parteigenossen: Andrea Nahles und Katarina Barley.
Ja, die Voraussetzungen für die SPD waren nicht wirklich gut, aber dieser einschläfernde Wahlkampf von „mehr ging nicht“ Barley war doch nicht nötig. Nun räumt die Dame ihren Ministerposten und geht als geprügelte Hündin nach Brüssel und nimmt einen Teil der Verantwortung für zweistelligen Prozentverlust mit sich.
Frau Nahles wird wohl oder übel einen ihrer Posten abgeben (müssen). Wenn sie schlau ist, wird das der unnütze Fraktionsvorsitz sein. Als Parteichefin hat sie immerhin noch ein wenig Gestaltungsspielraum, wenn sie denn wirklich nochmal Kanzlerin werden möchte (hüstel). Allerdings rücken bereits jetzt viele „Parteifreunde“ mit der Säge in der Hand an, um die ungeliebte und erfolglose Nahles loszuwerden. Kampflos wird sie ihren Stuhl allerdings nicht räumen, das hat sie schon durchblicken lassen, und wenn man ehrlich ist, wird sie sogar noch gebraucht. Landtagswahlen im Osten und damit weitere Schlappen stehen an und wer auch immer neu auf diesen Posten gewählt worden wäre, müsste gleich zu Beginn seiner Amtszeit 3 krachende Niederlagen verantworten. Dazu kommt die (ernüchternde) „Halbzeitbilanz“ im Wirken in der Großen Koalition, die man auf Seiten der Sozialdemokraten dafür nutzen könnte, entweder die GroKo platzen zu lassen oder schnell noch mit der durchgedrückten Grundrente und etwas Klimaschutz zu punkten. Jedenfalls, so sehr auch Kühnert und Co. giften werden (und wahrscheinlich irgendwo Recht haben): jetzt die GroKo zu verlassen und wieder mal das Führungspersonal auszutauschen und dann bei den Landtagswahlen so richtig baden zu gehen, das wäre einfach suboptimal.
Nahles abzulösen, dafür wäre beim Parteitag Endes des Jahres immer noch Zeit und Gelegenheit. Die Kandidaten könnten sich in Stellung bringen und Nahles die anstehenden Wahlniederlagen als eine Art Bad Bank für sich verbuchen. Und dann kommen Gestalten wie z.B. der Buchhändler aus Würselen zurück, womit wir endgültig beim Thema Mitleid wären.

Mir persönlich ist das Schicksal der angesprochenen Personen relativ egal, und auch ob es die alte Tante SPD nochmal schafft, sich auf ihren Markenkern zu konzentrieren oder an der „Strategiefähigkeit“ zu arbeiten (alles Bullshit Bingo) – aber wenn man sieht, durch was oder wen die verlassenen Altäre bevölkert werden, dann wünsche ich mir eine stabile und verlässliche SPD zurück. Das jetzt hat sich nicht verdient und die Konsequenzen daraus haben auch WIR nicht verdient.

„Die Zerstörung der Annegret Kramp Karrenbauer“

Dass ich mal ein indirektes Lob über Angela Merkel schreiben werde – wer hätte das gedacht?

So sehr ich den „Merkel muss weg“ Ruf mal verstehen konnte (den Ruf, nicht die die ihn rufen), so sehr hat mich die Frage umgetrieben: wenn Merkel mal weg ist, was kommt dann?

Nun wissen wir, wie der Plan in etwa aussehen sollte. Annegret Kramp Karrenbauer wurde erst in das Amt der Parteichefin gehievt, um dann in einem geräusch- und lautlosen Übergang Angela Merkel als Kanzlerin zu beerben.

Und jetzt, nach mißglückten Karnevalsscherzen, der desaströsen Europa- und den nicht berauschenden Kommunalwahlen, dem Rezo Video und dem damit verbundenen, beunruhigenden Vorstoß zur Beschneidung der Meinungsfreiheit kann man nur eines festhalten:

Angela Merkels Schuhe sind Annegret Kramp Karrenbauer zu groß, viel zu groß. Die Schuhe der Parteichefin ohnehin und die Schuhe als Kanzlerin erst recht.

AKK kann Partei nicht und sie kann Kanzlerin nicht.
Nicht, dass ich Merkel in ihrer Rolle als Regierungschefin groß vermissen würde (ihr willentlicher Mangel an politischer Gestaltung ist bei der aktuellen Problemlage einfach nicht vermittelbar), aber der Schock über das nachfolgende Personal sitzt einfach zu tief.
Durch das unglückliche Agieren von AKK in der kurzen Zeit seit ihrer Beförderung bemerken wir erst einmal, wie lautlos und unauffällig Merkel regiert. Durch die ganzen Jahre mit der „stillen Mutti“ ist in uns die Überzeugung gewachsen, dass das ganz normal wäre. Ist es aber offensichtlich nicht. AKK sieht keinen Grund, irgendetwas zu ändern – sehen die CDU Granden das genauso? Wer in dieser personelle ausgebluteten, ehemaligen Volkspartei sollte sie ersetzen? Friedrich Merz? Ursula von der Leyen? Jens Spahn??

Das ist eben auch die Tragik der Angela Merkel. So sehr sie zur Lichtgestalt und Heilsbringerin der Christdemokraten wurde, so sehr lichtete sich die zweite Reihe. Nach ihr kommt lange nichts. Entweder, weil sie alles weggebissen hat oder aufstrebende Talente in ihrer nun überlangen Regierungszeit versauerten.
Kramp Karrenbauer war handverlesen und der eindeutige Wunsch Merkels für ihre Nachfolge. Diese offensichtliche Nicht-Eignung AKKs kann Merkel nicht entgangen sein. Wenn doch, muss man sich fragen, wann ihr das Urteilsvermögen abhanden gekommen ist und wenn nicht, was für einen Grund gerade diese Personalentscheidung hatte. Wollte Angela Merkel ihrer Partei nachträglich eins reinwürgen? Hat der Verlust des Parteivorsitzes sie so sehr gekränkt, dass sie eine blasse Nachfolgerin installierte, um allen zu zeigen, was für einen Fehler sie mit ihrer Demontage machen?
Man wird es wohl nie herausfinden.
Allerdings wird sich wiederum die Zukunft der AKK bald entscheiden. Ihre internen Kritiker begehren immer lauter auf, sie hat gewisse Diskussionen in ihrer Partei nicht mehr im Griff (CO2 Steuer) und bei den kommenden Landtagswahlen im Osten droht die CDU von der AfD überholt zu werden. Und wie man so hört, sind die Wahlkämpfer vor Ort überhaupt nicht mit der fehlenden Unterstützung aus dem Konrad Adenauer Befehlsbunker einverstanden. Ein Putsch wird früher oder später wahrscheinlich.

Eine kleine Notiz an Heidi Klum

Liebe Heidi Klum,

 

vor ein paar Jahren noch habe ich Deine Show „Germanys next Topmodel“ sogar per Blog begleitet.

Schon damals war die Sendung so durchsichtig wie unterhaltsam. Das hat sich bis heute nicht geändert. Gut, Du hast Dich von Deinen letzten Stichwortgebern (euphemistisch „Jury“ genannt) und dem Maybelline-Boris getrennt – aber im Großen und Ganzen bist Du dem Konzept treu geblieben. Einen Menschenzoo vorführen und nebenbei ein „Topmodel“ suchen, nach dem keiner gefragt hat. Es ist nicht so, dass die Branche auf das Resultat Deiner jährlichen Suche dringend angewiesen ist. Die Agentur Deines Vaters schon eher.

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Rückkehren ist schwerer als man denkt

Um Silvester, als wir die Jahreswende im großartigen Gutshof Andres in Pettstadt/Kirchlauter verbracht haben, traf ich morgens beim Frühstück auf Dirk und Ulrich aus Berlin. Also derzeit in Berlin lebend. Wie bei vielen Wahlberlinern ist die originale Herkunft ja mehr oder weniger „exotisch“ und die größten Geistesriesen waren Zugezogene. Das ist eben die große Kraft Berlins, z.B. auch Schwaben und Nordlichtern irgendwie zu integrieren und wenn schon nicht integrieren, dann eben eine friedliche Co-Existenz zu bieten.
Dirk und Ulrich kamen jetzt weder aus dem hohen Norden noch Schwaben, konnten aber jeder für sich eine ähnlich schöne Herkunft vorweisen. Und da alle anderen Silvestergäste schon am Neujahrstag abgereist waren, störte es nicht, dass sich im Pavillon zum Frühstück ein recht unterhaltsames Gespräch entwickelte.
Natürlich kommen auch die Themen, wie Heimat und Herkunft zur Sprache und was man vermisst oder endlich froh ist, hinter sich gelassen zu haben. Es ist ja immer von der Einstellung eines jeden Menschen abhängig, inwieweit er mit seiner Heimat verwurzelt ist, ja ob es einen „Heimatbegriff“ in seinem Denken gibt und wie der belegt ist. Jedenfalls waren beide fürbaß erstaunt, als ich meinen ausgeprägten Hang zur Rückkehr in die alte Heimat klipp und klar darlegte. Ja, könne man denn überhaupt „zurückkehren“? Also nicht räumlich, sondern in eine bestimmte Lebensphase? Würde nicht alles ganz anders sein, als zu dem Zeitpunkt als man fortging? Niemand steigt zweimal in denselben Fluß hieß es bei den griechischen Philosophen. Da ist leider viel mehr dran, als man wahrhaben möchte. Wer einmal gegangen ist, ist gegangen. Eine Rückkehr ist in dem Sinne möglich, dass man „wieder da ist“ – aber es wird nur eine Rückkehr an den Ort sein. Man kann versuchen, alles wieder so einzurichten, wie es war, bevor man ging – aber es ist nicht mehr dasselbe. In den Gedanken ist man immer noch weg und das alte Gefühl stellt sich nicht mehr ein.
In der Schlußszene von Rambo 4 sieht man John Rambo, wie er nach x Jahren auf den Kriegsschauplätzen der Welt der Farm seiner Eltern entgegengeht. Ich habe mich da schon gefragt: wie soll das denn gehen?

Ich habe große Befürchtungen, dass das alles genau so kommen wird, wenn ich dann mal „rückkehre“; obwohl ich jetzt noch gar nicht weiß, wie und wann das sein wird.
Schon während meines ersten Exils galt ich dort als „Landei“ und bei Besuchen in der Provinz als der „Städter“. Man gehört nicht mehr zu den Einen und wird auch nicht zu den Anderen zählen, egal wie man sich verrenkt und die Marotten der Ureinwohner annimmt oder kopiert. Wer nicht in diese Bredouille geraten möchte, sollte sich den Weggang ganz genau überlegen.
Ich habe dann auch an mir bemerkt, dass ich einen Schuldkomplex entwickelte. Je öfter in den Nachrichten oder Zeitungen oder im Internet die desolate Lage und Zukunftschance der alten Heimat thematisiert wurde, desto stärker wurde das schlechte Gefühl, an diesem Zustand einen gewissen Anteil zu tragen, teilschuldig zu sein. Aber manchmal geht es einfach nicht anders. (Ich hoffe, dass diese pauschale Ausrede akzeptiert wird.) Oder haben wir es uns zu einfach gemacht? Nicht selbst genug an den Umständen gearbeitet, die uns nicht gepasst haben?

Ist Martin Schulz einfach nur ein genialer Stratege?

Dass derselbe Herr Schulz, der seiner Partei erst die Rolle des Oppositionsführers zuschrieb und sie dann doch in Koalitionsverhandlungen führte – geschenkt.

Dass derselbe Herr Schulz, der erst ein Ministeramt in einer Regierung Merkel strikt ablehnte und dann doch seinen Wunschposten, das Außenministerium, anstrebt – geschenkt.

Allen Kritikern sei eine Kanzlerin ins Gedächtnis gerufen, mit der es eine PKW Maut ja niemals geben würde …

Derselbe Herr Schulz, der gefühlsbesoffen mit 100% der Stimmen zum Parteichef und Kanzlerkandidat gewählt wurde, hat jetzt nach 325 Tagen mit seinem Rückzug eingestanden, dass die Mission Kanzleramt zu keinem Zeitpunkt eine realistische Chance hatte.

Aber je mehr ich über das alles nachdenke, desto mehr muss ich mich mit der Frage beschäftigen, ob Martin Schulz nicht einfach ein großer Stratege und Spieler ist.

Warum?

Als ich (wie viele andere auch) kopfschüttelnd miterlebte, wie sich CDU/CSU, Bündnis 90/Grüne und FDP an der Quadratur des Kreises versuchten und kläglich scheiterten – da lief es mir eiskalt über den Rücken. Martin, Du Fuchs!
Erst die eigene Partei mit Rückzug in die Fundamentalposition aus der Schusslinie nehmen, dann zusehen, wie es Jamaika verbocken würde, um dann als letzter Strohhalm für Muttis Kanzlerinnenwahlverein dreist rausverhandeln, was geht. Oder bis es quietscht.

Sechs Ministerien, darunter Schlüsselpositionen wie das Finanzministerium und ein Koalitionsvertrag, der dem Seniorpartner förmlich aufgezwungen wurde – so gut ist noch kein Wahlverlierer aus den Verhandlungen gekommen.

Und ich bin der Meinung, die SPD hätte sogar noch mehr rausschlagen können, ja müssen.
Neuwahlen wollte bis auf die AfD niemand. Absolut niemand.
Mutti möchte einfach nur regieren. Aber nur unter geklärten Verhältnissen und in stabilen Koalitionen. Nichts mit Minderheitsgegurke und Kampf der Argumente und besseren Optionen. Und weil die CDU/CSU niemanden außer Mutti hat und Muttis Wunsch, der Partei Befehl ist – wird jede, aber auch jede Kröte geschluckt. Und davon hat ihr die SPD Verhandlungskolonne so einige serviert.

Also, wenn das wirklich alles auf Martin Schulz Kappe geht und er das geplant hat: Hut ab.
Damit das alles für die Basis erträglicher wird (auch ganz unten angekommen, soll es ja noch Leute mit Anstand und Rückgrat geben), gibt es vor dem Showdown noch eine Runde mit dem Personalkarussel: Der Martin verzichtet auf den Parteivorsitz, damit er sich voll und ganz auf das Ausland konzentrieren kann (wo er dann seinen Spezi+Gönner+Förderer, den Siggi, nochmal so richtig mit Anlauf in die Wüste schicken kann) und Genossin ÄtschiBätschi Nahles übernimmt auf der Kommandobrücke des geschrumpften Tankers SPD das Ruder. Ach ja, Olaf, der Unvermeidliche aus Hamburg hat sich sogar bis ins Finanzministerium gemosert. Stänkern kommt eben doch weiter. Aber das nur am Rande.

Aber.

Aber!

Leider, leider sind Wahlkampf- und vor allem Ergebnisanalysen in postfaktischen Zeiten wie diesen aus der Mode gekommen. Hier haben sich immerhin zwei absolute Wahlverlierer (wieder)gefunden und keiner hat jetzt noch Lust und Muße, sich um die Aufarbeitung dieser Katastrophe zu kümmern. Dabei gab es doch nach der Wahl so große Ankündigungen: #SPDerneuern #WirHabenVerstanden #AufDieFresse

177 Seiten Koalitionspapier, das alles regeln soll; und doch hat man die entscheidende Sache irgendwie übersehen. Also, diese Sache, die einem die massiven Stimmverluste überhaupt erst eingebracht hat. Und … liebe SPD, es war nicht die Angst der Bürger wegen der Digitalisierung oder Gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder vermurkste Energiewende.
Der CDU brauche ich da nichts sagen, denn die hat ja laut ihrer Vortänzerin keine Fehler im Wahlkampf oder in der Regierung gemacht.

Und solange ihr euch um die heißen Eisen herumdrückt und sich jeder seine Hintertürchen einbaut, solange werdet ihr bei jeder Kommunal-, Landtags- und später Bundestagswahl aus Angst vor der AfD zittern müssen.

Die Heimat, die ich meinte

Christian Lorenz, den die meisten Menschen eher als Keyboarder Flake von der Krachband Rammstein kennen, hat der Süddeutschen ein Interview im Zuge der „Heimat“-Reihe gegeben. Ich denke, es lohnt zu lesen.

Flake über Heimat – In einer Blase von Reichen

Ich muss da nicht jeder Aussage zustimmen, schon allein deshalb, weil ich nicht 1966 geboren wurde und etwas von Kriegsschäden erzählen kann. Aber bei vielem ertappe ich mich, wie ich innerlich mit dem Kopf nicke und „mh .. mh“ mache. Vor allem Gerüche und Geräusche prägen sich ein und erzeugen ein irgendwie vertrautes, heimatliches Gefühl, wenn man wieder mit ihnen konfrontiert wird. Bei mir ist das bspw. der Teergeruch, der einem an wirklich heißen Sommertagen in die Nase stieg, weil der Asphalt schmolz

Flake ist in das Haus im Prenzlauer Berg zurückgezogen, in dem er als Jugendlicher aufgewachsen ist und muss nun feststellen, dass Heimat ein sehr wandlungsfähiger Ort ist:

Es leben inzwischen sehr viele unangenehme Menschen hier

Wenn der Ort der Kindheit/Jugend eine der ersten Antworten auf die Heimatfrage ist, muss ich schon mal passen. Davon steht fast nichts mehr. Im Gegenteil, wo einst Wohnhäuser und andere Gebäude standen, stehen jetzt Kiefernplantagen. Die Natur soll sich alles zurückholen.