Dieses Jahr liegt der Wendeherbst bereits 36 Jahre zurück. Die Erinnerung aus jener Zeit ist teilweise verblasst. Denn, wenn wir ehrlich sind: Was sich damals wirklich hinter den Kulissen abspielte, wusste niemand. Und das, was nach außen so bedeutsam erschien, entpuppte sich manchmal als reine Banalität.
Doch einige Szenen sind mir im Gedächtnis geblieben, als wären sie erst gestern geschehen. Die Absetzung Erich Honeckers am 17. Oktober – mit Wirkung zum 18. – und die Übernahme durch Egon Krenz etwa. Ich weiß noch genau, wo ich an diesem Tag war: bei meiner, wie ich sie heute nenne, Stiefoma im tiefsten Sachsenland. Wir saßen gemeinsam vor dem Fernseher, als Krenz seine Ansprache hielt.
Die Stiefoma, so herzlich sie war, blieb bis zuletzt eine überzeugte Kommunistin. Ihre Enttäuschung über die Entwicklungen im besten aller deutschen Staaten war mit Händen zu greifen. Als Krenz davon sprach, die DDR wieder „auf Kurs“ zu bringen und vielleicht sogar einiges zu ändern, winkte sie nur ab und sagte trocken:
„Ach Du, Du warst doch sein Kronprinz … was soll das schon werden?“
In diesem Moment wurde mir klar: Wenn selbst die alten Genossen den Rosstäuschertrick durchschauen und kein Vertrauen mehr in „Grinsekrenz“ haben, dann ist das System wirklich am Ende. Und so kam es ja auch. Honecker soll am Schluss der entscheidenden Sitzung des Politbüros sinngemäß gesagt haben:
„Glaubt nicht, dass dadurch – durch meine Absetzung – auch nur ein Problem gelöst wird.“
Ob er dabei wohl an sich selbst dachte? Fünfzehn Jahre zuvor hatte er gegen Walter Ulbricht geputscht – damals war er der „Brutus“ des Spitzbarts, diesmal das Intrigenopfer. Die Geschichte scheint Sinn für Ironie zu haben.
Hierzu ein kleines Video von Carola Stern, die beide Absetzungen – Ulbricht und Honecker – in einen Zusammenhang stellt: Carola Stern über Walter Ulbricht.
Doch die Halbwertszeit dieser neuen Führung war kurz. Nach dem missglückten Befreiungsschlag erklärte das Politbüro am 8. November seinen Rücktritt, und am 3. Dezember folgte schließlich das gesamte Zentralkomitee der SED.
Vielleicht glaubten die alten Herren wirklich, man müsse nur den Kopf austauschen, um den Körper am Leben zu halten. Doch der Patient war längst tot.
Bezeichnend, dass ausgerechnet Günter Mittag seinem alten Freund Erich in den Rücken fiel und dessen Absetzung unterstützte. Worin auch immer seine Motivationen gelegen haben – genützt hat es ihm nichts. Neben Honecker musste auch dieser selbstherrliche Opportunist und dazu der Einflüsterer Joachim Herrmann gehen. Das haben wir aber schon gar nicht mehr wahrgenommen, da die Hauptmeldung so aussah: Honecker weg, Krenz da. Und alles bleibt irgendwie beim Alten, denn ein morsches System kann sich nicht aus sich heraus reformieren.
Leider leider habe ich genau dieses Video nicht im großen, weiten Internet gefunden. Merkwürdig, wo sich doch dort alles anzufinden scheint. Von unnötig bis belanglos.